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Höherer Beratungsbedarf im Kreis

Neue Westfälische vom 05.04.2017
Von Elisabeth Affani

Arbeiterwohlfahrt: Die Beratungsstellen für Schwangerschaft, Partnerschaft und Sexualität legen ihren Jahresbericht vor

Bad Driburg. Jede Zahl, die der Jahresbericht 2016 der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Bad Driburg und Höxter auflistet, ist keine rein mathematische Größe, sondern symbolisiert menschliche Schicksale. Auch in unserem scheinbar lückenlos aufgeklärten Zeitalter gibt es Menschen, insbesondere Frauen, die aufgrund besonderer Umstände ihre persönlichen Fragen und Probleme nicht allein lösen können und dankbar für eine professionelle Beratung sind. Die AWO-Beratungsstellen für Schwangerschaft, Partnerschaft und Sexualität legten dem Vorsitzenden des AWO-Präsidiums Paul Arens und dem Kreisvorstandsvorsitzenden Wolfgang Kuckuk sowie der Öffentlichkeit gestern den Jahresbericht 2016 vor.

Insgesamt 460 Beratungen mit 1.586 Beratungskontakten wurden durch das Team geleistet, das ist ein signifikanter Anstieg gegenüber den 417 Fällen im Jahre 2015.

Vor allem Schwangere suchen Ratdes AWO-Teams

Das Team besteht aus der Diplom-Sozialarbeiterin und Systemberaterin Beate Knievel-Boraucke, der Diplom-Sozialarbeiterin und Mate-Meo-Therapeutin Silke Niggemann-Boffer sowie der Erziehungswissenschaftlerin und Flüchtlingsberaterin Isabell Wintermeyer. Verstärkt wird das Team in der Verwaltung durch die Fremdsprachen-Korrespondentin Cornelia Göhmann-Dobrott, die den wichtigen Erstkontakt herstellt.

Vor allem Schwangere suchten den allgemeinen Rat des AWO-Teams, von den 400 Fällen sind 60 der Konfliktberatung zuzuordnen. Die meisten Frauen dieser Gruppe waren zwischen 22 und 26 Jahren alt. Die Beraterinnen haben es mit einer vielschichtigen Problematik zu tun, mit der physischen und psychischen Verfassung der Klientinnen ebenso wie mit ihrer familiären, beruflichen und/oder wirtschaftlichen Situation. Die betroffenen Frauen kamen in der Regel allein, aber auch mit ihrem Partner oder einer anderen Person in die Beratungsstellen.

Neben einer Schwangerschaft war an zweiter Stelle die Geburt eines Kindes der Grund dafür, dass Frauen und auch Familien Beratung und Unterstützung suchten.

Finanzielle Hilfe können die Beraterinnen aufgrund verschiedener Programme leisten, etwa über die Bundesstiftung „Mutter und Kind“ oder den Familienplanungs-Fonds des Kreises Höxter.

Neben den individuellen Beratungen und dem zusätzlichen Angebot für Flüchtlingsfrauen und ihre Familien führte das Team 27 Veranstaltungen durch. Dazu gehörten das Müttercafé im Rahmen der Frühen Hilfen und Gruppenprojekte in Schulen und Kindertagesstätten mit sexualpädagogisch-präventiver Thematik.

Die AWO-Beratungsstellen danken dem Kreis Höxter für die finanzielle Unterstützung und allen Kooperationspartnern für die gute Zusammenarbeit im vergangenen Jahr.

Hilfe für Frauen, die Opfer von Gewalt sind

Neue Westfälische vom 08.12.2016

Austausch: Uta Fechler und Marcel Franzmann fordern mehr Unterstützung für Ehrenamtliche und schlagen eine kreisweite Koordinierungsstelle vor

„Mitten in unserer Gesellschaft im Kreis Höxter findet jeden Tag Gewalt gegen Frauen statt. Sie kennt keine Alters- und Herkunftsgrenzen, jede dritte Frau ist betroffen. Trotz dieses erschreckenden Ausmaßes wird das Thema viel zu oft tabuisiert“, beschreiben Uta Fechler vom Frauen-Rat NRW und der Katholischen Frauengemeinschaft (kfd) und Marcel Franzmann, Juso-Kreisvorsitzender, das Problem. Beide trafen sich anlässlich des internationalen Aktionstags „Gegen Gewalt an Frauen“, um sich über die Situation im Kreis Höxter auszutauschen.

»Frauen- und Kinderschutzhaus stößt oft an finanzielle Grenzen«

Sie sprachen dabei nicht nur über die Ursachen, sondern auch darüber, was getan werden muss, damit betroffene Frauen Schutz und Hilfe bekommen. „Das Frauen- und Kinderschutzhaus des Sozialdiensts katholischer Frauen (SkF) und die Frauenberatungsstelle der Arbeiterwohlfahrt (AWO) im Kreis Höxter leisten eine sehr wichtige und gute Arbeit, aber leider stoßen sie oft an ihre finanziellen Grenzen. Ziel muss es sein, dass die Rückzugsräume und Beratungsstellen staatlich besser finanziert werden“, so Franzmann.

Diesen Eindruck bestätigte Uta Fechler: „Betroffene Frauen müssen den Aufenthalt meist aus eigenen Mitteln finanzieren. Dieses ist eine zusätzliche Hürde, die Betroffene hindert, aus der bedrohlichen Situation zu entfliehen.“ „Neben der Hilfe für die Opfer ist aber auch eine Täterarbeit wichtig, damit diese die Spirale der Gewalt verlassen können. Im Kreis müssen wir in beiden Bereichen noch besser werden“, stellten Franzmann und Fechler einstimmig fest. Dabei lobte Franzmann die Arbeit der Ehrenamtlichen und der Beschäftigten in den Hilfs- und Beratungsstellen. „Diese Menschen leisten eine tolle und wichtige Arbeit. Dabei ist es wichtig, dass die Politik die Rahmenbedingung schafft, die deren Arbeit erleichtert. Das heißt, neben mehr finanzieller Unterstützung auch mehr administrative Hilfe bei zum Beispiel Stellung von Förderanträgen. Dieses Problem haben nicht nur die Beratungsstellen, sondern es betrifft viele Ehrenämtler“, macht Franzmann aufmerksam.

In diesem Zusammenhang schlägt er eine kreisweite Koordinierungsstelle vor, die den Ehrenamtlichen bei der bürokratischen Arbeit hilft. „Ehrenamt braucht Hauptamt, deshalb sollte es eine Anlaufstelle im Kreis geben, die den Ehrenamtlichen Unterstützung gewährt. Klar kommt in diesem Zusammenhang immer das Thema Kosten zur Sprache. Aber das sind Investitionen in die Zukunft unseres Kreises, die dazu beitragen den Kreis für jeden attraktiver zu machen. Unsere Zukunft gibt es nun mal nicht für lau“, so Franzmann.

Abschließend verweisen Franzmann und Fechler auf die bestehenden Hilfeangebote: „Betroffene Frauen können unter Tel. (0 80 00) 11 60 16 und per Online-Beratung auf www.hilfetelefon.de qualifizierte Hilfe bekommen.“

Rechte von Frauen

AWO fordert Bundesgesetz zur Finanzierung von Schutz und Hilfe

Berlin, 23. November 2016. „Jede Frau hat ein Recht auf Schutz vor Gewalt“, erklärt der AWO Bundesvorsitzende Wolfgang Stadler zum „Internationalen Gedenktag gegen Gewalt an Frauen und Mädchen“ und fügt hinzu: „Es ist unfassbar, in welchem Ausmaß Frauen und ihre Kinder in unserer Gesellschaft von häuslicher Gewalt betroffen sind.“ Für das Jahr 2015 belegt die kriminalstatistische Auswertung des Bundeskriminalamtes zu Gewalt in Partnerschaften deutlich, das Mord und Totschlag, Vergewaltigung, Körperverletzung und Stalking für zu viele Frauen nach wie vor Realität sind.

„Ohne ein Bundesgesetz, können Frauenhäuser und Fachberatungsstellen keinen  bundesweiten Schutz, Zuflucht oder Beratung sicherstellen“, zeigt sich Stadler überzeugt. Ein Bundesgesetz sollte den individuellen Rechtsanspruch für Frauen und ihre Kinder auf Schutz und Hilfe bei Gewalt im sozialen Nahraum unabhängig von Einkommen, Aufenthaltstitel, Herkunftsort, gesundheitlichen Beeinträchtigungen oder Behinderungen abschließend regeln. Darüber hinaus fordert die AWO die Ratifizierung und umfassende Umsetzung der völkerrechtlichen Vorgaben des Übereinkommens des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt (sog. Istanbul-Konvention) sowie des Übereinkommens zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (CEDAW).

Die Folgen von Gewalt erfahren nicht nur die Frauen. So besteht bei mitbetroffenen Kindern ein erhöhtes Risiko einer gestörten Persönlichkeitsentwicklung und der Weitergabe der erlebten Beziehungsmuster an nachfolgende Generationen. „Gewalt darf keine alltägliche Erfahrung von Frauen und ihren Kindern sein“, betont Stadler und fügt hinzu: „Wir alle sind gefordert, uns für Prävention und Bekämpfung von geschlechtsspezifischer Gewalt einzusetzen.“

In den Frauenhäusern und Einrichtungen zur Frauenunterstützung der AWO finden seit mehr als 30 Jahren gewaltbetroffene Frauen und Kinder Schutz und Hilfe. Jedoch drohen diesen Anlaufstellen aufgrund der ungesicherten Finanzierung permanent Kürzungen oder gar die Schließung. „Deshalb benötigen bedrohte Frauen und Kinder einen bundesweiten Rechtsanspruch auf Schutz und Hilfe bei Gewalt.“ fordert abschließend Wolfgang Stadler.

Zum Hintergrund: Über 104.000 Frauen wurden im vergangenen Jahr Opfer von Partnerschaftsgewalt, davon 11.400 Opfer von gefährlicher Körperverletzung, 65.200 von vorsätzlicher einfacher Körperverletzung, 16.200 von Bedrohung, 7.900 von Stalking und 331 Frauen wurden Opfer von Mord und Totschlag.  Diese Zahlen beziehen sich nur auf das sogenannte Hellfeld, d.h. der Ausschnitt von Kriminalität in einem bestimmten Land zu einem bestimmten Zeitpunkt der offiziell bekannt und registriert wird.