Wie die AWO vor Ort den Menschen hilft

Unterstützung: Der Wohlfahrtsverband in Deutschland feiert 100. Geburtstag. Auch im Kreis Höxter hat sich die Arbeit zunehmend professionalisiert. Doch ohne ehrenamtliche Hilfe geht es nicht

Neue Westfälische vom 11.01.2019

Von David Schellenberg

Kreis Höxter/Bad Driburg. Das rote Herz trägt sie von Anfang an im Logo: die Arbeiterwohlfahrt (AWO). 100 Jahre wird der Wohlfahrtsverband in der Bundesrepublik alt. Er ist inzwischen ein fester Bestandteil der sozialen Hilfe, Betreuung und Begleitung, hat viele Tausend ehrenamtliche und hauptamtliche Mitarbeiter.
Auch wenn der Höxteraner Kreisverband noch keine so lange Tradition hat, feiert er mit. Das Jubiläum ist für Präsidiumsvorsitzenden Paul Arens sowie die hauptamtlichen Vorstände Wolfgang Kuckuk und Aljona Gottfried ein willkommener Anlass, gemeinsam mit der Neuen Westfälischen zurück, aber auch vorauszublicken.
“Die AWO wird immer noch gebraucht, auch wenn sich ihr Aufgabenfeld verändert hat”, sagt Paul Arens, während Wolfgang Kuckuk an die Umstände der Gründung erinnert. 1919, kurz nach Ende des Weltkrieges, herrschte Hunger und Armut. Es war eine Frau, Marie Juchacz, auf deren Initiative die SPD den “Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt” gründete – die AWO. Nach dem Verbot in der Nazizeit wurde sie 1946 als politisch unabhängige Organisation neu gegründet.
Der sozialdemokratischen Tradition ist sich der Verband bewusst, weshalb sie die Arbeiter immer noch im Namen trägt. “Wir sind aber natürlich für alle da, und das wissen die Menschen”, sagt Kuckuk. Die ersten Aktivitäten der AWO gehen im Kreis Höxter bis in die 50er Jahre zurück, vor allem die Ortsvereine Beverungen und Höxter gestalteten erste Angebote. Erst im Januar 1982 schlossen sich die mittlerweile sieben Ortsvereine im Kreis zu einem Kreisverband zusammen – übrigens der letzte in OWL. Die AWO ist zugleich ein Mitgliederverband und ein soziales Unternehmen.
Bis heute hat sich die Arbeit sehr verändert, betont Kuckuk und erinnert daran, dass es anfangs beispielsweise eine intensive Hausaufgabenbetreuung in Steinheim gab. Das spielt heute in Zeiten der Ganztagsschule keine Rolle mehr. Auch bei Arbeitslosenprojekten mit Menschen in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen engagierte sich der Kreisverband. “Wir hatten in Peckelsheim eine Werkstatt mit Kleider- und Möbellager, in der Menschen an die Arbeit herangeführt wurden”, erzählt Kuckuk. Das Projekt wurde 2004 eingestellt, ein Jahr zuvor die Arbeitslosenberatung.

Dafür kam bereits 1995 ein wichtiges Standbein neben der Schwangerschaftskonfliktberatung mit Einführung der Pflegeversicherung hinzu: der mobile AWO-Pflegedienst. Er ist inzwischen ebenso stark gewachsen wie die Schulsozialberatung, die Angebote der Jugendhilfe und die Beratungsangebote. In Bad Driburg gibt es zudem eine Kindertagesgruppe. Von Höxter in die Badestadt wurde 1997 auch der Hauptsitz verlegt.
All ihre Aufgaben kann die AWO nur mit einem sehr großen Team  an haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern und Mitgliedern leisten (siehe Kasten). Sie sind es auch, die die AWO tragen und das Konzept der fünf “Bs” umsetzen:

Begegnung, Begleitung, Betreuung, Bildung und Beratung. “Der Mensch und nicht das Geldverdienen steht bei uns im Mittelpunkt”, unterstreicht Kuckuk.
Auch wenn die Professionalisierung der Arbeit ein wichtiger Aspekt der Entwicklung in den vergangenen Jahren war, gelte weiterhin: “Wir bieten allen Menschen Hilfe an, die sie benötigen. Wir unterstützen Menschen, ihr Leben eigenständig und verantwortlich zu gestalten. Die Werte Solidarität, Toleranz, Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit bestimmen unser Handeln”, so Kuckuk. All das drückt das Herz im Logo der AWO aus.
Deshalb seien Wohlfahrtsverbände wie die AWO auch nach 100 Jahren noch genau so wichtig wie einst. “Es gibt Bereiche, zum Beispiel die Beratungsangebote, mit denen sich kein Geld verdienen lässt”, erinnert der Geschäftsführer. Sie seien aber dringend notwendig – auch in ihrer Vielfalt. Denn nicht alle Menschen wollen sich einer kirchlichen Beratung anvertrauen, weshalb die AWO beispielsweise eine Schwangerschaftskonfliktberatung anbietet. Auch regionale Flüchtlingsberatung gehört seit dem Flüchtlingsboom 2015 dazu. Generell würden sich die Wohlfahrtsverbände im Kreis Höxter bei ihren Angeboten jedoch abstimmen.
Wie sich die AWO künftig entwickeln wird? Es sei schwer vorherzusagen und hänge auch von den Notwendigkeiten ab, sagt Kuckuk. Er rechnet aber fest damit, dass vor allem im Bereich der Senioren- und Pflegearbeit sowie in der Unterstützung von Familien der gesellschaftliche Bedarf deutlich wachsen wird.
Einen Schwerpunkt will der Kreisverband in diesem Jahr vor allem im Bereich des ehrenamtlichen Engagements setzen. Dazu wird bereits im Februar ein Workshop geplant. Hier geht es um die Betreuung und Gewinnung von Mitgliedern, aber auch die Entwicklung der Angebote. Denn auch die AWO-Ortsverbände leiden darunter, dass sich kaum junge Mitglieder zum Mitmachen bewegen lassen. Mit einer besonderen Ausnahme: In Marienmünster wurde erst im vergangenen Herbst ein neuer Ortsverband gegründet. Das stimmt die Verantwortlichen optimistisch.

Feierlichkeiten
Zum 100. Geburtstag der AWO Deutschland gibt es am Samstag, 12. Januar, einen Festakt mit Musik im Historischen Rathaus Höxter mit 60 geladenen Gästen. Im Sommer sind weitere öffentliche Jubiläumsveranstaltungen geplant, unter anderem ein Kinderfest.

Kreisverband in Zahlen
– Aktuell engagieren sich im AWO-Kreisverband Höxter rund 400 Mitglieder in neun Ortsverbänden.
– Der Altersdurchschnitt der Mitglieder liegt bei 66 Jahren, OWL-weit sogar bei 76 Jahren.
– Zudem werden in den verschiedenen Diensten und Einrichtungen rund 220 Mitarbeiter beschäftigt.
– Beispielsweise leistet die AWO an 23 Schulen im Kreis Schulsozialarbeit.                                        (das)